Martin Walser: Ein fliehendes Pferd (Novelle, 1978) Die 1978 veröffentlichte Novelle „Ein fliehendes Pferd“ von Martin Walser (geboren 1927) schildert das Treffen zweier sehr unterschiedlicher Paare mittleren Alters im Urlaub am Bodensee. Die Halms fahren seit Jahren an den gleichen Urlaubsort, wo sie immer die gleiche Ferienwohnung bei Gottlieb Zürn, dem Protagonisten von Das Schwanenhaus, mieten. Helmut Halm, Oberstudienrat am Eberhard- Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart, trägt seinen Spitznamen „Bodenspecht“ mit Gelassenheit: Er möchte vor allen Dingen, dass seine Mitmenschen sich kein mit seiner Realität übereinstimmendes Bild von ihm machen können, und hat z. B. gegenüber den Zürns ein Image entwickelt, von dem er glaubt, so sähen sie ihn am liebsten, es habe aber wenig mit ihm selbst zu tun. Mit seiner Frau Sabine versteht er sich meist ohne Worte, ist allerdings in einer Phase angelangt, in der, entgegen dem Credo der Gesellschaft, Geschlechtsverkehr zur Seltenheit geworden ist. Er wünscht sich eher einen Zustand der Ruhe und Unbeweglichkeit. Plötzlich taucht - vermutlich auf der Seepromenade in Überlingen - Klaus Buch, ein Schul- und Studienkamerad Helmut Halms, auf. Der fitnessbesessene Klaus ist mit der sehr viel jüngeren Helene in zweiter, kinderloser Ehe verheiratet. Er beginnt sofort eine Erinnerungsorgie zu feiern, der Helmut innerlich ablehnend gegenübersteht, was er sich aber nicht anmerken lässt. Auch in den nächsten Tagen, in denen die Buchs dem Ehepaar Halm immer wieder gemeinsame Freizeitaktivitäten aufzwingen, fühlt sich Helmut ständig gereizt von Klaus, der, offenbar Opfer der Midlife Crisis, gegen das spießige Kleinbürgertum zu Felde zieht und seinen alten Freund zu bereden versucht, seine gesicherte Beamtenexistenz und womöglich auch noch Sabine aufzugeben und mit ihm und Helene auf die Bahamas zu ziehen. Die Situation eskaliert, als die beiden Männer während eines Segeltörns in einen Sturm geraten, den Klaus als Herausforderung, Helmut aber als Bedrohung empfindet. Ehe das Boot, von Klaus hart am Wind gehalten, kentern kann, stößt Helmut ihm die Pinne aus der Hand, woraufhin der Fanatiker ins Wasser fällt. Wider Erwarten überlebt Klaus dieses Abenteuer und kehrt ins Zentrum des Geschehens in dem Augenblick zurück, in dem Helene in einem fulminanten Monolog im Wohnzimmer der Halmschen Ferienwohnung die ganze Verlogenheit ihres gemeinsamen Lebens enthüllt: Klaus empfand sich stets als Versager und „Verbrecher“, glaubte nicht an seine Fähigkeiten als Journalist und hat seine Frau absichtlich kleingehalten, um ihr 14 immer gewachsen zu sein. Die Paare trennen sich und die Halms reisen ab - nach Montpellier, wo, wie ihnen Helene erzählt hat, die Mauern so dick sind, dass man vom Liebesleben der Zimmernachbarn nichts mitbekommen kann und somit unbehelligt und frei vom Vergleichenmüssen ist. Die Novelle endet mit demselben Satz, mit dem sie anfängt. Erzähltechnisch bemerkenswert ist die starke Fokalisierung, die die Dinge aus der Sicht von Helmut erscheinen lässt und durch die Leserin und Leser tiefe Einblicke in sein Innenleben erhalten. Die Novelle ist unter demselben Titel auch verfilmt worden. Helmut und Sabine Halm sind auch die Hauptpersonen in dem Roman Brandung.
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