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5. Kurze Charakteristik der Entstehungszeit

Die Nachkriegsliteratur in West- und Ostdeutschland So wenig wie das Jahr der Machtübernahme Hitlers bedeutete das Jahr der deutschen Kapitulation einen vollkommenen Bruch in der deutschen Literaturgeschichte. Eine »Stunde Null«, in der die Literatur völlig neu ansetzte, gab es 1945 nicht, auch wenn manche Zeitgenossen die Forderung nach einem »Kahlschlag« erhoben und jüngere Autoren wie Wolfgang Weyrauch, Günter Eich, Wolfdietrich Schnurre, Wolfgang Borchert oder Heinrich Böll damit 12 ernst zu machen schienen. Die westdeutsche Literatur fand in der von Hans Werner Richter organisierten »Gruppe 47« langsam Anschluss an die deutschen Traditionen und die internationalen Ausprägungen der Moderne. Die Tagungen der Gruppe, zu denen Richter junge Autoren, später auch Kritiker und Verlagslektoren einlud, wurden berühmt durch die Lesungen und die Härte der Kritik. Die Gruppe hat bis in die sechziger Jahre hinein das literarische Leben der Bundesrepublik maßgeblich geprägt und der deutschen Literatur wieder internationales Ansehen verschafft – mit Romanen und Kurzgeschichten von Heinrich Böll, Günter Grass, Siegfried Lenz und Wolfgang Koeppen, Gedichten von Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger oder Hörspielen von Günter Eich. Die Blütezeit der Gruppe 47 waren die fünfziger Jahre. In Opposition zur restaurativen Atmosphäre der Adenauer-Zeit, zur kollektiven Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit, zur Wiederbewaffnung und zur biedermeierlichen Selbstzufriedenheit angesichts des Wirtschaftswunders vermochte sie die zum Teil stark vom französischen Existentialismus inspirierte Aura des Unangepaßten, auch Weltläufigen zu evozieren. Die Karriere Heinrich Bölls, der 1972 als der international bekannteste Nachkriegsschriftsteller Deutschlands den Nobelpreis für Literatur erhielt, begann, als er 1951 den Preis der Gruppe erhielt. Er war einer ihrer Gründungsmitglieder und über Jahre hinweg die zentrale Figur in ihr. Mit seinen Darstellungen der Kriegsrealität und der chaotischen Trümmerjahre nach 1945 aus der Sicht der »kleinen Leute«, mit seinen literarischen Parteinahmen für diejenigen, die von ihren Erinnerungen an Leid und Schuld in der Nazi-Diktatur nicht loskommen, und den Attacken gegen jene erinnerungsunfähigen Karrieristen, die skrupellos in die Machtzentren des neuen Staates aufsteigen, mit der Bloßstellung militaristischer Mentalität und kirchlicher Heuchelei sowie mit der Verteidigung persönlicher Würde gegenüber staatlichen Verwaltungsapparaten und den Meinungsmanipulationen der Massenmedien verschaffte sich Böll eine moralische Autorität, mit der er gleichsam das Gewissen der Republik verkörperte. Die in den sechziger Jahren zunehmende Politisierung der Literatur, die in der Zeit der Studentenproteste von 1967/68 ihren Höhepunkt erreichte, hatte entscheidenden Anteil an dem Zerfall der Gruppe 47, deren Mitglieder in der Mehrzahl großen Wert auf ästhetische Autonomie legten. Die studentischen Protestdemonstrationen gegen die autoritären Strukturen in Hochschule und Gesellschaft, gegen Kapitalismus und Imperialismus, gegen den Vietnam-Krieg und die Springer-Presse, gegen Militarismus und Verdrängung der NS-Zeit wurden 1967 und 1968 zu Medienereignissen mit einer öffentlichen Wirksamkeit, vor der die Einflüsse einer noch so engagierten Literatur schwach und harmlos erschienen.