Ich möchte heute über das Buch „die Psychologie der Intelligenz“ von Jean Piaget sprechen. Der schweizerische Philosoph und Psychologe Piaget lebte von 1896-1980. Er beschäftigte sich besonders mit der Entwicklung der frühkindlichen Wahrnehmung und mit der Bildung des Zeitbegriffes bei Kindern. Das vorliegende Buch ist eine Sammlung von Vorlesungen aus dem Jahre 1942, als Piaget am College de France unterrichtete. Unter dem Titel „die Psychologie der Intelligenz“ versucht er, dem Leser einen verständlichen Überblick über das Wesen, das Werden und das Funktionieren der Intelligenz zu geben.

Das Buch ist in drei Teile aufgeteil Im ersten Teil gibt Piaget einen kurzen Überblick über den Stand der Forschung im Bereich der Denkpsychologie und stellt weiters eine Definition des Begriffes „Intelligenz“ auf. Er geht davon aus, dass die Intelligenz aus Handeln hervorgeht und bezieht damit die wissenschaft-liche Position des Konstruktivismus. Konstruktivismus ist die Theorie, dass der Mensch seine Begriffe so konstruiert, wie er Handlungen plant, das heisst, die Intelligenz wird als eine Strategie betrachtet, mit deren Hilfe die Wirklichkeit aktiv konstruiert wird.

Plaget besteht dieser kognitive Gesamtprozeß aus zwei grundlegenden Funktionen: der Assimilation und der Akkomodation. Assimilation bedeutet ein aktives Interpretieren, Einordnen oder Deuten von Ereignissen oder Objekten der Aussenwelt in Begriffen der eigenen, gerade verfügbaren Art, über diese Dinge zu denken. Ein solcher kognitiver Vorgang der Assimilation ist z.B. wenn für ein Kind ein Stück Holz zu einem Schiff wird. Damit assimiliert es nämlich das Holzstück an sein kognitives Konzept von Schiff.

Diezweite Funktion der Akkomodation ist weniger aktiv und stärker reaktiv. Sietritt nur dann auf, wenn es eine Störung gibt, für die der Mensch noch keinbewährtes Schema besitzt. Wenn z.B. ein Säugling davon ausgeht, dass beim

Schütteln einer Rassel Lärm entsteht, erwartet er sich auch dieses Geräusch beim Schütteln eines Holzstücks. Bleibt das Geräusch nun aus, muss das Baby lernen, weitere visuelle Unterscheidungsmerkmale zu erkennen. Diese neuen Elemente werden dann mit den alten Erfahrungen zu einem neuen Schema verknüpft.

Lebende Organismen streben nun nach einem Gleichgewicht zwischen Assimilation und Akkomodation. Ein so hergestelltes Gleichgewicht bedeutet, dass eine Person auf jede Anforderung aus der Welt der Objekte mit einer ebenso großen Geisteskraft als vernunftbegabtes Subjekt antworten kann. Kein menschliches Wesen wird mit einem fertigen Gleichgewicht geboren, sondern muss sich diese Fähigkeiten im Laufe seiner kindlichen Entwicklung aneignen.

Deshalb beschäftigen sich auch die beiden letzten Teile des Buches mit der Entwicklung der Intelligenz, das heisst, mit der Fähigkeit, dieses kognitive Gleichgewicht herzustellen. Piaget stellt eine Theorie auf, wonach die Entwicklung der logischen Strukturen menschlichen Denkens fünf wichtige Stufen durchläuft. Jede dieser Stufen baut auf der vorangegangenen auf und alle stehen miteinander in Wechselwirkung.

Derzweite Teil des Buches Behandelt die erste Stufe in der Entwicklung menschlicher Intelligenz, das Stadium der sensomotorischen Intelligenz. Diese Phase betrifft die zwei ersten Lebensjahre eines Kindes und ist gekenn-zeichnet durch spontane Handlungen auf der Basis von gerade vorhandenen Wahrnehmungen.

In dieser Zeit baut das Kleinkind über eine immer größer werdende Reihe von primären, sekundären und tertiären Kreisprozessen eine Gesamtheit kognitiver Substrukturen auf, die für die späteren wahrnehmenden und intellektuellen Konstruktionen wichtig sind. Diese Prozesse beginnen mit dem Lutschen und Saugen, dann kommt das Greifen und schließlich das Hantieren. Piaget unterscheidet in

diesem sensomotorischen Stadium sechs Perioden:

Reflexmechanismen: bis ein Monat Das Baby ist bei seiner Geburt bereits mit bestimmten Reflex-en - wie saugen, Schlucken, Greifen -, ausgestattet.

Primäre Kreisreaktion Vom ersten bis vierten Monat Handlungen mit positivem Ergebnis werden wiederholt

Sekundäre Kreisreaktion Vom vierten bis achten Monat Das Baby erfährt eine verstärkte Hinwendung zurAussenwelt Es entstehen erste Vorstufen intentionalen Verhaltens.

Zielgerichtetes (intentionales) Verhalten: vom achten bis zwölten Monat Die Koordination der Handlungen und die Anwendung auf neue Situationen wird verbessert

Tertiäre Zirkulärreaktionen Vom 12ten bis 18ten Monat Das Kind experimentiert, sucht und entdeckt.

Übergang zur Vorstellung Vom 18ten bis 24ten Monat Das Kind kann die Ergebnisse einer Handlung vorhersehen.Durch Entwicklung einer Symbolfunktion werden Handlungen kognitiv verarbeitet.

Piaget unterscheidet drei Formen der

Symbolfunktionen Die Objektpermanenz zwischen dem sechsten und achten Lebensmonat. Das Baby lernt, dass Objekte erhalten bleiben, auch wenn sie aus ihrem Wahrnehm-ungsbereich verschwinden. Demnach muss es innerlich ein Bild von dem zu suchenden Objekt haben, denn sonst könnte es nicht danach suchen.

Die Nachahmung Um Handlungen nachahmen zu können, muss das Kind schon vorher ein Bild von der Handlung haben.

Die Symbolhandlung Wenn ein Kind z.B.Schlafen spielt, indem es den Kopf auf einen Polster legt, hat es eine innerliche Vorstellung vom Schlafen.

Der dritte Teil des Buches beschreibt die weiteren vier Stufen der Entwicklung der menschlichenIntelligenz.

2. Stufe: Das Vorbegriffliche Stadium ( ca. 2 bis 4 Jahre)

In diesem Stadium läßt sich Denken im Sinne von verinnerlichtem Handeln eindeutignachweisen. Das Kind wird fähig, mit Vorstellungen und Symbolen umzugehen.PIAGET bezeichnet Vorstellungen und Symbole als Vorbegriffe. Es werden Gegenstände durch andere Gegenstände stellvertretend dargestellt. Damit ist das Kind in der Lage, zwischen einem wirklich vorhandenen Gegenstand und einem nur vorgestellten Symbol zu unterscheiden. So kann z.B. ein Holzklötzchen stellvertretend als Auto oder Haus benutzt werden.

Am Anfang der Symbolisierung Werden einfache Konstruktionsspiele vollführt. Das Kind lernt als Grundlage für seine spätere Entwicklung in der präoperationalen Periode den Gebrauch symbolischer Substitutionen, wie der Sprache und der geistigen Bilder anstelle der sensomotorischen Aktivitäten des Säuglingsalters. Anstatt nach Dingen zu greifen, kann es jetzt darum bitten. Auf dieser Stufe entwickelt das Kind die Fähigkeit, seine reale Umwelt mit vor allem sprachlichen Mitteln zu klassifizieren.

Die Kinder stellen häufig die W- Fragen (z.B.: „Warum ist das so? Wer macht die Wolken? Wieso heißt das so ?“). Erste Buchstaben werden nachgemalt und erkannt also eine Fähigkeit mit Repräsentationen zu arbeiten. Unterscheidungen von Zeichen und Bezeichnetem ermöglichen dem Kind erstes Deuten (Lesen) und Nachmalen (Schreiben). Zudem werden häufig Nachahmungs- und Symbolspiele gespielt.

Es können zwar noch keine klaren Begriffe geformt werden, zunehmend aber können sie komplexere Sachverhalte, die räumlich oder zeitlich außer Reichweite sind, repräsentieren. In diesem Stadium sind die Kinder sehr auf sich selbst fixiert (Egozentrismus). Die Sprache und die Handlungen beginnen langsam eine Verbindung einzugehen und mit Hilfe der Symbolfunktionen werden ihnen neue Kommunikationshorizonte eröffnet.

3.Stufe: Das Anschauliche (intuitive) Stadium (ca. 4 bis 7 Jahre)

In diesem Stadium entwickeln sich zwar schon echte Begriffe, die aber noch ganz an die Anschauung gebunden ist. Begriffe werden in Bildern und anschaulichen Handlungen repräsentiert. Das Kind kann in der Regel noch nicht dieverschiedenen Aspekte eines Gegenstandes oder einer Beziehung zwischen Gegenständen leichzeitig erfassen und berücksichtigen. Es bleibt meist bei einemwahrnehmungsmäßigen herausragenden Merkmal stehen.

So wird z.B. bei komplexenZusammenhängen nur eine einzige Relation gesehen und bei Reihungen werden Gegenstände nach anschaulichen Eigenschaften geordnet. Vornämlich bestimmt der optische Eindruck den Glauben an die Äquivalenz. Eine Kompensation von Wahrnehmungsaspekten kann noch nicht umgesetzt werden. Auf einem Tisch werden drei unterschiedliche Gefäße aufgebaut. Das erste Gefäß ist eine Schale, das zweite ein Becher und das dritte eine dünne Vase oder auch Säule genannt. Alle Gefäße sind durchsichtig. Das Kind soll nun das Wasser aus der Schale in den Becher schütten und danach aus dem Becher in die dünne Vase gießen.

Anschließend wird dem Kind die Frage gestellt: ,,Wo ist mehr Wasser drin? Antwort: ,,In der Vase“. PIAGET erforschte diese Phase am intensivsten, weil diese im Übergang vom voroperatorischen zum operatorischen Denken endet. Aus einer Phase, die von instabilen logischen Regeln gekennzeichnet ist, z.B. durch Invarianz und Objektpermanenz, kommt es zu einer qualitativen Veränderung.

4.Stufe:Das Konkret-operationale Stadium ( ca. 7 bis 11 Jahre)

In diesem Stadium sind die gedanklichen Operationen weiterhin an anschaulich erfahrbare Inhalte gebunden, sie zeichnen sich jedoch durch eine größere Beweglichkeit aus. Verschiedene Aspekte eines Gegenstandes oder Vorgangs können gleichzeitig erfaßt werden und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Der Terminus konkrete Operation meint, daß das Kind nun in Gedanken mit konkreten Objekten bzw. ihren Vorstellungen operieren kann. Es kann Reihen aufstellen, erweitern, einteilen und unterscheiden. Beim Umschüttversuch wird das Kind nun feststellen: Die Säule ist zwar höher, aber dafür dünner. Dieses Denken besitzt bereits die Eigenschaft der Reversibilität.

Unter Reversibilität versteht Piaget die Fähigkeit, eine und dieselbe Handlung in beiden Durchlaufsrichtungen auszuführen, und zwar im Bewußtsein davon, daß es dieselbe Handlung ist. Auch besitzt das Kind schon die gedankliche Fähigkeit der Umkehrbarkeit, das heißt, die konkreten Operationen können gedanklich umgekehrt werden, so daß eine durchgeführte Operation wieder aufgehoben wird.

Dieses Stadium ist besonders gekennzeichnet durch handlungsmäßige Darstellung von Klassen und Reihungen, was Piaget Gruppierungen nennt. Das Kind lernt durch Versuch und Irrtum und beurteilt Geschehnisse durch reine Retrospektion (Rückschau oder

Rückblick) und Antizipation(Vorwegnahme von etwas, was später erst kommt oder kommen sollte) in einem. Zudem haben die Kinder noch Probleme mit der verbalen Definitionen von Vorgängen, wie z.B. beiden Umschüttversuchen.

5.Stufe:Das Formales Stadium (ab ca. 11 Jahren)

Mit dem formalen- oder abstrakten hypothetischen Denken tritt nach PIAGET eine Sinnesumkehrung zwischen dem konkret - wirklichen und demHypothetisch-Möglichen ein, damit ist das formale Denken grundsätzlichhypothetisch-deduktiv. Deshalb können auf dieser Stufe Denkoperationen mitabstrakten, nicht mehr konkret vorstellbaren Inhalten durchgeführt werden.Durch die Identifizierung des Wirklichen als Sonderfall des Möglichen können komplexe Systeme verarbeitet werden. Dies entspricht der höchsten Form des logischen Denkens.

Das Denken stützt sich jetzt vorwiegend auf verbale bzw. symbolische Elemente und nicht mehr auf Gegenstände. Die Reversibilität ist nun auch formal, das heißt, abstrakt gegeben. Das formale Denken besteht aus einem System von Operationen in zweiter Potenz. So können z.B. Kinder nun mit Operationen operieren, indem sie über ihr eigenes Denken bzw. über die Form ihrer

Argumentation nachdenken. Nicht nur die inhaltliche Richtigkeit von Aussagen wird überprüft, sondern auch die logische Form bzw. der ,,Wahrheitsgehalt“. Somit sind weitgehende Antizipationen, also Handlungen in die Zukunft hinein möglich. Das Kind bildet formale Hypothesen, z.B. das Umkehrprinzip beim Grammophon (von der Schallabtastung zur Schallaufzeichnungund umgekehrt). Allgemeine Gesetzmäßigkeiten werden gesucht.

Piaget behauptet nicht, daß immer alles zu diesem Zeitpunkt genau so eintritt. Alle Altersangaben sind ungefähre Durchschnittswerte. Dennoch muß jedes Kind alleStufen, Stadien bzw.Leistungsformen durchlaufen und gelernt haben, um diese in eine nachfolgende höhere Leistungsform zu verwandeln. Je leichter das Kind dieses kann, desto leichter kann es intelligent handeln. Kurz: Sie haben Denken gelernt.